Meine Reise in die Schweiz: Tag 2 – Parmigiani und Chopard

Seit vielen Jahren führe ich Leserreisen in die Schweiz durch. Früher als Uhren-Magazin-Chefredakteur, heute als freier Journalist. Nach dem ersten Tag bei Audemars Piguet führt uns die Reise heute in einen anderen Teil des Jura, der historisch ebenfalls durch die Uhrenindustrie geprägt war. Das Val de Travers liegt im Neuenburger Jura und ebenfalls in einem idyllischen Hochtal auf 700 Metern. Michel Parmigiani, Namensgeber und Gründer der Manufaktur wurde unweit vom Standort Fleurier in Couvet geboren, und zwar im Jahr 1950. Mit diesen Ziffern starten auch die Seriennummern der Parmigiani-Uhren. Derzeit liegt die Zahl bei etwa 80.000. Minus der 1950 und geteilt durch 23 Jahre ergibt sich daraus die durchschnittliche Jahresproduktion.

Parmigiani: Von der Uhrensammlung zur Uhrenmarke

Der leidenschaftliche Uhrmacher Michel Parmigiani bekam von der Sandoz-Stiftung den Auftrag, deren wertvolle Uhrensammlung zu restaurieren, von der übrigens ein Teil im Uhrenmuseum von Le Locle der Öffentlichkeit zugänglich ist. Mit der Gründung der Manufaktur Parmigiani erfolgte zugleich die vertikale Integration der Zulieferer. In La Chaux-de-Fonds gehört dazu eine Zifferblattfabrik und mit Les Artisans Boîtiers eine Gehäusefertigung. Mit Elwin besitzt man eine Schraubenmanufaktur, welche auch Patek Philippe, A. Lange & Söhne und andere Größen der Uhrmacherei beliefert. Altokalpa wiederum fertigt eigene Unruhspiralen. Eine Kompetenz, über die nur wenige Spezialisten und Uhrenmarken verfügen. Unser Besuch beginnt beim Werkehersteller Vaucher in Fleurier. An dieser Unternehmung ist neben Parmigiani auch Hermès mit 25 Prozent beteiligt und bezieht von hier auch seine Werke. Die Zusammenarbeit wirkt sich auch auf die handgenähten Armbänder der Parmigiani-Uhren positiv aus. Sie stammen alle aus der Ledermanufaktur der Pariser Luxusmarke.

Die Konstruktionsabteilung sitzt direkt bei Werkzeugbau und Prototypenfertigung, um in unmittelbarem Austausch die Entwicklung voranzutreiben. Die Produktion ist auf einachsige Maschinen verteilt, welche in einem automatisierten Verbund arbeiten können, der die unterschiedlichen Bearbeitungszeiten in der Planung berücksichtigt. Auch die Zahnräder werden hier selbst gedreht und verzahnt. Nach dem Elektroerosionsverfahren sägen Maschinen mittels eines unter Spannung stehenden Drahtes per Lichtbogen beispielsweise die Rotorengewichte aus Wolfram-Rohlingen heraus. Auch eigene Uhrmacher werden bei Parmigiani ausgebildet. Diese erhalten, genau wie wir, Anschauungsunterricht und erstaunliche Einblicke beim Besuch der Restaurationsabteilung. Zunächst beeindruckt uns ein Messer aus dem Besitz der Sandoz-Stiftung aus dem 18. Jahrhundert durch seine integrierte Uhr mit Grande Sonnerie. Grande bedeutet, dass die Uhr beim Durchgangsschlag auch immer die volle Stundenzahl mit angibt, statt nur Viertelstunden und Minuten zu signalisieren. Wie eindrucksvoll das klingen kann, beweist eine Taschenuhr, deren Viertelstundenrepetition auf eine schlangenförmig geformte Kathedraltonfeder schlägt. Unvergesslicher Höhepunkt ist ein kleiner Vogel, der wie lebendig aus einer Spieldose springt und uns kreisend und flügelschlagend für 20 Sekunden mit seinem hellen Gezwitscher erfreut. Ermöglicht wird der verblüffend naturgemäße Auftritt des gefiederten Geschöpfes durch seine Fähigkeit, Körper, Kopf, Schnabel, Flügel und Schwanzfeder unabhängig voneinander zu bewegen. Der Direktor von Parmigiani, Patrick Wehrli und der Verkaufsdirektor von Parmigiani Deutschland, Dirk Boettcher präsentieren der Gruppe anschließend die aktuelle Kollektion von Parmigiani, inklusive der Möglichkeit, alle Modelle auch einmal selbst an den Arms zu legen. Und auch der CEO von Parmigiani, Davide Traxler steht unseren Gästen persönlich für Fragen zur Verfügung. Bettina Rost von Ebner Media Group, die Organisatorin der Reise, muss förmlich zum Aufbruch drängen, denn Fleurier beherbergt noch einen weiteren, bedeutenden Uhrenhersteller, den wir nach dem Mittagessen aufsuchen.

Chopard: 160 Jahre Uhrmachertradition bei L.U.C

Die große Glasfassade des mehrgeschossigen Gebäudes der Manufacture Fleurier schmückt der geschwungene Chopard-Schriftzug. Ab etwa 1860 hatte sich Fleurier zu einem der Zentren der Schweizer Uhrmacher entwickelt. Eigens aus Genf, dem Hauptsitz der weltberühmten Schmuck- und Uhrenmarke, sind Annette Heuer und Juan Garcia zur Begrüßung und Führung angereist. Die Manufacture Fleurier ist einer von zwei Standorten von Chopard am Ort. Später erblicken wir aus einem Fenster das gegenüber liegende Gebäude der Ebauche Fleurier. Schon vor 160 Jahren gründete Luis Ulysse Chopard zunächst in Sonvillier sein eigenes Unternehmen. Dem handwerklich begabten Uhrmacher gelang bald der Export seiner präzisen und zuverlässigen Uhren bis an den russischen Zarenhof. Später wurde Chopard auch offizieller Lieferant der Schweizer Eisenbahn. Als mit Paul-Louis das Unternehmen auf einen der Söhne überging, zog Chopard 1937 nach Genf. In der Hauptstadt der hohen Uhrmacherkunst ist man seither näher an der internationalen Kundschaft. Mit Paul-André übernahm die dritte Generation der Familie die Leitung von Chopard. Nach erfolgreichen Jahren fand sich in der vierten Generation niemand, der die Geschäfte weiterführen wollte. Da fügte es sich, das Karl Scheufele III. aus Pforzheim im Jahr 1963 auf der Suche nach einen Partner war, der die legendäre Swiss-Made-Qualität bieten konnte. Er erwarb Chopard von dem 70-jährigen Patriarchen. Das bereits 1904 vom Großvater gegründete Unternehmen Eszeha in der Goldstadt Pforzheim, das erfolgreich Uhren und Schmuck im Art-déco-Stil herstellte, erhielt so eine eigene Manufaktur. Dadurch war Eszeha nicht mehr auf Rohwerkelieferanten angewiesen, die auch seine Konkurrenz bedienten. Chopard ist eines der letzten familiengeführten Uhren- und Schmuckunternehmen. Mit den Geschwistern Caroline und Karl-Friedrich Scheufele als Co-Präsidenten ist die vierte Generation aktiv. Während Caroline Scheufele auf internationalen Events – wie etwa den Filmfestspielen in Cannes – mit einer High-Jewellery-Kollektion glänzt, entwickelt Klar-Friedrich die sportlichen Uhren der Herrenkollektion und zeichnet für die Manufaktur verantwortlich, welche die L.U.C (Louis-Ulysse Chopard) Uhren produziert.

Sie entstand 1996 auf rund 3.500 Quadratmetern und beherbergt rund 160 Mitarbeiter. Während Chopard inklusive Damen- und Quarzmodelle etwa 75.000 Uhren pro Jahr fertigt, entfallen davon nur etwa 4.500 auf die L.U.C-Modelle aus der Manufaktur. Durch den hohen Anteil an Handarbeit, von dem wir uns beim Besuch überzeugen, lässt sich die Stückzahl nicht beliebig steigern. Auch die zahlreichen komplizierten Modelle sind dafür verantwortlich. Automatische Manufakturkaliber, aber mit industriellen Fertigungsmethoden, entstehen bei Fleurier Ebauches. Diese rund 15.000 Werke sind vorwiegend der Mille-Miglia-Kollektion vorbehalten. Mit dieser Kollektion sportlicher Uhren gibt Karl-Friedrich Scheufele seine Passion für Oldtimer und den Rennsport zu erkennen. Wir begeben uns aber in die feinmechanische Abteilung der Manufaktur. Ein eigener Werkzeugbau rüstet die Dreh- und Fräsmaschinen aus, die im Mikrometer-Bereich fertigen, das entspricht einem tausendstel Millimeter. Zum Vergleich, ein menschliches Haar ist 30 bis 120 Mikrometer dicht. Dieser hohen Genauigkeit in der Produktion entspricht auch die anschließende Kontrolle. Jedes einzelne Werkstück wird unter einem hochauflösenden Mikroskop an einem großformatigen Bildschirm auf den Mikrometer genau elektronisch vermessen, bevor es weiter bestückt wird. Anschließend wird es von Hand mit Genfer Streifen und Perlagen verziert und alle Kanten angliert – auch an Stellen, die später nicht sichtbar sind, nachdem der Uhrmacher das Werk komplettiert und in das Gehäuse eingeschalt hat. Im L.U.Ceum erkunden wir die private Uhrensammlung von Karl-Friedrich Scheufele, die anlässlich unseres Besuches eigens zugänglich gemacht wird. Unter anderem befinden sich hier Exponate von Ferdinand Berthoud, einem Schweizer Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, der zeitgleich mit Breguet in Paris tätig war und dessen Marke Karl-Friedrich Scheufele ebenfalls wieder belebt hat. Doch beim anschließenden Besuch eines seiner privaten Häuser in Fleurier steht die aktuelle Kollektion von L.U.C im Mittelpunkt. 500 dieser Uhren werden übrigens eigens Genf gefertigt, um das Genfer Siegel zu erhalten. Nur bei L.U.C entstehen Chronometer nach Prüfung durch die Schweizer COSC, nach Maßgaben des Genfer Siegels oder nach den noch strengeren Vorgaben der örtlichen Qualité-Fleurier-Prüfung.

Die Leserreisen mit der Uhren-Magazin-Redaktion haben eine lange Tradition und auch im kommenden Jahr werde ich die Besuche im Schweizer Jura und in Glashütte begleiten. Wer im September 2019 noch zwei Tage Zeit hat, darf mich gerne auf der Leserreise nach Glashütte vom 16. bis 17. September begleiten. Besucht werden A. Lange & Söhne, Tutima, Mühle, Wempe Glashütte und Glashütte Original. Informationen und Anmeldung direkt bei Bettina Rost.

Ein Kommentar

  1. Heiner Klaus 9. Juli 2019 um 17:30 Uhr - Antworten

    Waren mit unserm Camper auch in Fleurier. Chopard und Parmigiani haben wir gesehen. Leider waren die Unterlagen für einen Umgang in Fleurier am Bahnhof ausgegangen, so dass wir wahrscheinlich viel verpasst haben. Schade!

    Jede Reise in den Jura zeigt die Bedeutung der Uhren für den Jura überdeutlich, und zwar in jedem Winkel, und nicht nur in Le Locle und La-Chaux-de-Fonts

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